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Vorsicht! Eine Finanztransaktionssteuer ist keine Mehrwertsteuer

15. Januar 2012 , Geschrieben von Der Risikomanager Veröffentlicht in #Trading

Dieser Tage las ich eine Aussage des Handelsblatt Chefredakteurs zum Thema Finanztransaktionssteuer. Herr Gabor Steingart, so sein Name, setzte dort die Transaktionssteuer mit der normalen Mehrwertsteuer gleich, um ihre Einführung zu rechtfertigen. Auch viele Politiker argumentieren ähnlich, weil sie wissen, dass die meisten Wähler sich nicht gut auskennen, oder selten nachhaken.

Zitat Steingart:

Die Mehrwertsteuer, die wir klaglos auf alle Produkte von A wie Auto bis Z wie Zwieback zahlen, ist auch nichts anderes als eine Transaktionssteuer."

Handelsblatt Morning Briefing

Anscheinend unterschätzt der Chefredakteur der bekanntesten deutschen Wirtschaftszeitung, wie viele andere, was ein "lächerlicher" Steuersatz von 0,01 bis 0,1 Promille - auf sämtliche Finanzmarktprodukte pauschal angewendet - für die Investoren bedeutet.

Die geplante Börsensteuer der EU verteuert den Handel um das Fünfzigfache

In allen Märkten steigert o.g. Steuersatz die direkten Handelskosten beim Umsetzen eines Trading-System, um ein Vielfaches. Genauer gesagt sprechen wir hier über zehnmal die Broker Kommission oder fünfzigmal die Eurex Börsengebühr. Bei diesen Zahlen anzunehmen, dass sie keine großen Auswirkungen auf die wichtigen Märkte haben werden und lediglich den Hochfrequenzhandel eindämmen, ist schlicht und einfach naiv.

Die Auswirkung niedriger Liquidität auf die Märkte, konnte bis heute in mehreren Studien belegt werden. Die Kursveränderungen werden alles, aber nicht ruhiger. Alle Trader, die mal vor wichtigen News den Markt genau beobachtet haben, kennen das aus eigener Erfahrung.

Image courtesy of [kibsri] at FreeDigitalPhotos.net

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Eine Finanztransaktionssteuer ist ein Strafzoll auf Finanzprodukte

Kommen wir nun zum Kernpunkt dieses Artikels. Im Unterschied zum normalen Verbraucher, der die Produkte zum Eigenkonsum kauft, treten Finanzmarktakteure in erster Linie als Händler und Liquiditätslieferanten auf, die unser Wirtschaftsystem mit Kapital versorgen. Handelsunternehmen aus der Realwirtschaft zahlen innerhalb eines Wirtschaftsraumes für den Austausch der Waren jedoch ebenso wenig eine Steuer, wie die Finanzindustrie beim Handel mit Wertpapieren. Die anfallende Umsatzsteuer wird - in Form der Mehrwertsteuer - 1:1 an den Endverbraucher weitergereicht und die angefallene Vorsteuer lässt sich der Handeltreibende vom Finanzamt zurückerstatten. Es entstehen also keine zusätzlichen Kosten für die Unternehmen wenn sie Handel mit anderen treiben.

Eine Finanztransaktionssteuer kann somit in keinster Weise mit einer Mehrwertsteuer veglichen werden, wie es Herr Steingart tut. Ehrlicherweise sollten die Politiker ihr den Namen "Strafsteuer für den Handel mit Finanzprodukten" geben.

In der Tat zu vergleichen mit Strafzöllen auf den Handel bestimmter Waren zischen zwei konkurrierenden Volkswirtschaften.

Zölle allgemein werden skeptisch gesehen, weil sie den Handel erschweren und Wohlfartszuwächse behindern können. Genauso wird es mit dieser Steuer sein.

Der Verbraucher neigt dazu, die Mehwertsteuer hie und da durch Schwarzarbeit zu umgehen. Investoren neigen stattdessen dazu 'Over the Counter' zu gehen und ihre Geschäfte durch die Besteuerung ins Verborgene zu verlagern. Genau das Gegenteil wäre eigentlich wünschenswert.

Eine Börsensteuer bremst das Wirtschaftswachstum aus

Selbst die EU- Kommission musste dieser Tage in einer Untersuchung zu den Auswirkungen der Finanztransaktionssteuer zugeben, dass sie bis zu 1,7% BIP - Wachstum kosten wird. Deutschlands tolles Wachstum von 3% aus dem vergangenen Jahr, wäre damit halbiert. Wie das alles positiv mit dem gerade erst ausgerufenen Stabilitäts und Wachstumspakt für Europa korrelieren soll, bleibt Geheimnis der Politik.

Im Auftragsgeschäft mit Privatkunden werden die Institutionen alle zusätzlichen Kosten, welche der sog. Tobin Tax (dies ist der ursprüngl. Name für die Transaktionssteuer) geschuldet sind, an ihre Endkunden durchreichen. In diesem Fall ist es der kleine Privatanleger, Lebensversicherer und Rentenvorsorger. Damit ist klar: Unter dem Strich ist der Depp wieder klein Erna, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so auszusehen scheint.

Lesenswert ist in diesem Zusammenhang ein Artikel zur Finanztransaktionssteuer der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Hier wird sich dem strittigen Thema wenigstens nüchtern und emotional ausgeglichen genähert. Ein schönes Gegenstück zum sonst oft zelebrierten Populismus einiger Politiker und Zeitungsverlage (z.B. "Zocker-Steuer" Bild Zeitung).

Viele Medien machen sich in der Debatte um die Tobin Tax zum Handlanger der Politik

Wie Medien Inhalte transportieren, trägt entscheidend zur Meinungsbildung der Bürger bei. In meiner eigenen Tageszeitung stand wörtlich geschrieben:

"Jede einzelne Transaktion wird besteuert - nicht hoch - 0,1% auf Aktien/Anleihen und 0,01% für Derivate, also Wetten auf Kursentwicklungen. Macht bei einem Umsatz von 100 Euro einen oder zehn Cent."

Wenn das jemand liest der sich in der Sache nicht auskennt, ist es nur allzu verständlich, wenn er zu folgendem Schluß kommt: "Was beschweren sich diese Banker überhaupt, ich zahle allein für mein Nackensteak im Supermarkt eine vielfach höhere Mehrwertsteuer."

Aber Vorsicht! Wer am Finanzmarkt Gewinne einfährt, muss bereits ein Viertel davon direkt an den Staat abführen - also satte 6% mehr als beim Nackensteak an Mehrwertsteuer fällig wird. Bei Institutionen unterliegen die gleichen Gewinne ebenso der Besteuerung, weil sie den Unternehmensgewinn erhöhen. Mich würde mal die Reaktion der Kunden im Supermarkt interessieren, wenn ihr Nackensteak - um bei diesem tollen Beispiel zu bleiben - von einem Tag auf den anderen um das Zehnfache im Preis steigen würde. Anstatt 3,50 Euro für 250g Fleisch werden dann 35 Euro fällig.

Wow! Wer geht da noch freiwillig in seinem angestammten Supermarkt einkaufen, wenn es um die Ecke weiterhin 3,50 Euro kostet? Auf die Finanzmärkte übertragen heisst das: Unter solchen Voraussetzungen werden die Investoren dreimal überlegen, ob es woanders nicht rentablere Anlagemöglichkeiten gibt.    

Der Futures-Handel an regulierten Börsen ist kein Finanzhokuspokus

Zudem wird im oben zitierten Artikel der Eindruck erweckt, Derivate seien reine Werkzeuge, um auf Kursentwicklungen - wie beispielsweise Fibonacci Retracement zu wetten - also Zockerhokuspokus.

Zumindest was den Futures-Markt betrifft, entspricht diese Darlegung nicht der Wahrheit, denn diese Finanzmarktprodukte haben ihre Daseinsberechtigung aus dem Bedarf der Realwirtschaft heraus, sich gegen zukünftige Preisschwankungen der gehandelten Waren und Rohstoffe absichern zu können und so mehr Planungssicherheit zu erlangen. Im heutigen internationalisierten Welthandel werden so auch Wechselkursrisiken beim Güter-/Dienstleistungsaustausch zwischen einzelnen Unternehmen abgesichert. Desweitern dienen Futures/Optionen zur Risikobegrenzung von Portfolios großer Geldpools, wie Renten-/Versicherungsgesellschaften und Investmentfonds, in denen das hart erarbeitete Geld der kleinen Sparer steckt. 

Reine Zockerprodukte gibt es natürlich auch, aber diese Wetten (im nennswerten Umfang) laufen vielfach im Graumarkt ab und nicht an den transparenten, regulierten, fairen, etablierten Börsenplätzen. Vor allem diese Transaktionen aber will die Politik eindämmen. Diese Steuer schiesst mit Ansage am Ziel vorbei.

Die erste erwähnte Futures Börse wurde übrigens bereits *1710 in Japan eingerichtet, um den Reishandel effizienter abwickeln zu können. Futures und auch Optionen sind somit kein modernes, überzüchtetes Teufelszeug, sondern begleiten den neuzeitlichen Wirtschaftsaufschwung seit seinen Anfängen.

Die Finanzkrise 2008 wurde hingegen von komplexen, undurchsichtigen, neu entwickelten Verbriefungspapieren in Gang gebracht (wohlgemerkt nicht ursprünglich ausgelöst). Diese hatten nur einen Zweck: Die eigenen Risiken geschickt anderen Marktteilnehmern zu verkaufen, ohne das es diese sofort merken. Diese Transaktionen liefen dabei nicht über regulierte große Börsen.

Schlussglocke

Die Finanztransaktionssteuer ist eine größtenteils politisch motivierte Kampagne gegen die Finanzindustrie. Sie soll den Wählern signalisieren: Wir machen was gegen die bösen Banken, welche euch soviel Steuergeld gekostet haben. Wir legen den Spekulanten das Handwerk und holen das Steuerzahlergeld wieder zurück in die Staatskassen.

Leider, und wie so oft bei Politikern zu beobachten: Es wird den Leuten nur die halbe Wahrheit erzählt und eine Seite der Medaille präsentiert. Oder in diesem Fall kann auch gesagt werden: Die Politik spricht nur über die - wohlgemerkt, erhoffte Einnahmenseite - der Börsensteuer. Dagegen verharmlost sie die direkten Kosten, und die "Kollateralkosten" für die breite Volkswirtschaft, finden im öffentlichen Diskurs erst gar keine Erwähnung.

 

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Danel 12/28/2015 18:18

jeah lasst sie bluten, die Zockerschweine

thomas 03/17/2012 22:30

Nach dem Motto, 1 Bild sagt mehr als 1000 Worte, meine Beitrag zum Thema Transaktionssteuer:
http://www.finanziert.net/finanzbegriffe.html

Franken 01/17/2012 13:12

Hey Leute, ich hoffe ich kann euch mit diesem Link weiterhelfen.
An sich ist das sehr interessant gemacht und das wäre definitiv mal eine Alternative der
Wirtschaftkriese zu entkommen.

http://lebensversicherung-verkaufen.tv/