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Euroland ist abgebrannt. EZB wird zur FED

18. November 2011 , Geschrieben von Der Risikomanager Veröffentlicht in #EuroKrise Finanzsystem

Der Plan der Politik, durch eine Aufstockung der EFSF, aber auch durch die Vermeidung eines frühzeitigen Schuldenschnitts für Griechenland eine Ausbreitung der Schuldenkrise in Europa abzuwenden, ist gescheitert.

Auch wenn sich die Lage kurzfristig durch neue Regierungsumbildungen ein wenig entspannt, die Realität wird die Politik schneller einholen, als ihr lieb sein kann.

Sämtliche Anleihespreads anderer EWU Mitgliedsstaaten zur deutschen Benchmark weiten sich kontinuierlich aus. Deutschland bildet spätestens jetzt die letzte Bastion finanzieller/wirtschaftlicher Schlagkraft in Europa, der die Märkte noch vertrauen.

Kurzfristig einziger Ausweg für den Rest Europas ist die EZB, oder eine Banklizenz für der die das EFSF. Beides scheitert am deutschen Widerstand. Noch!

Problem, wenn durch massive unbegrenzte Bondskäufe noch einmal Extra Time für die akuten Sorgenkinder in der EWU erkauft wird: Politische Maßnahmen und Entscheidungen brauchen viel Zeit bis sie umgesetzt werden und greifen. Außerdem droht der Reformwille zu erlahmen, sobald der Druck der Finanzmärkte von den per se reformunwillegen Regierungen ferngehalten wird. Die Frage ist vielmehr: Ist es nicht schon zu spät, um die Schuldenlawine zu stoppen? Die Marktdynamik hat den Point of no Return wohl bereits überschritten und die Messer werden gewetzt.

Euroland ist abgebrannt. EZB wird zur FED

Mal abgesehen davon, dass es sehr fraglich ist, ob sämtliche Wackelkandidaten in der Eurozone überhaupt im Stande dazu sind, ausreichende Sparmaßnahmen tatsächlich umzusetzen. Wenn jeder anfängt knallhart zu sparen, löst sich das Schuldenproblem dann trotzdem nicht einfach in Luft auf. Andere müssen sich dann zusätzlich verschulden, um das zu bezahlen. Wer soll das sein, wenn alle Haupthandelspartner der eigenen Wirtschaftsgemeinschaft gleichzeitig die Daumenschraben anlegen? Gespart werden sollte eigentlich in guten Zeiten, um in schlechten Geld ausgeben zu können, nicht umgekehrt.

Für den neutralen Beobachter muss bei einem Blick auf Europa der Eindruck entstehen, als ob hier ein paar einsame verblendete "Europahelden" mit ein paar Eimern Wasser versuchen einen außer Kontrolle geratenen Buschbrand zu löschen. Sobald sie ein Brandherd unter Kontrolle gebracht haben, lodert schon woanders der nächste auf.

Dabei muss beachtet werden: Europa leidet grundsätzlich unter zwei gravierenden und voneinander unabhängigen Problemen! Auf der einen Seite die unaufhörlich wachsende Schuldenlast (kein europaspezifisches Problem). Zu diesem gesellt sich in Europa jedoch zusätzlich noch die Fehlkonstruktion eines "Schönwetter - Währungsraums" hinzu.

Null vorbereitet auf Krisenzeiten. Untereinander zerstritten, mit teilweise ziemlich anderen Ansichten und Interessen. Ungleicher Wirtschaftskraft. Kaum handlungsfähig. Schwerfällig, umständlich und langsam, weil jeder seinen Senf dazugeben darf und Entscheidungen blockieren kann und alle Änderungen einzeln in den Mitgliedsstaaten ratifiziert werden müssen.

Die wichtigen Fehler wurden in der Vergangenheit gemacht. Alles was zum jetzigen Zeitpunkt passiert, ist ein Aufschieben des Unvermeidlichen.

Die Staaten der EWU als Ganzes haben keine Chance ihre jetzigen Schuldenberge dauerhaft zu stemmen oder gar nennenswert abzutragen.

Es bleibt abzuwarten, in welche Richtung sich Europa unter dieser Last entwickeln wird. In der Schuldenfrage wird die Politik wohl den weichen Systemkollaps ansteuern (finanzielle Repression), denn es ist die bequemste Möglichkeit den Schuldenstand der Staaten auf erträglichem Niveau zu halten. Wie Europa in Zukunft hingegen mit dem Euro umgeht, hängt ganz entscheidend auch von deutschen Politikern ab.

Der Euro entfalltet nach Jahren des "heididei alles supie" nun eine gegensätzliche Wirkung. Wenn der Spuk vorbei ist, könnte Europa - im schlechtesten Fall - zerstrittener und instabiler dastehen als vor dem Euro Zeitalter. Es wäre das Gegenteil dessen erreicht, was ursprünglich angestrebt worden ist: Einigkeit, Prosperität, internationale Reputation und Macht, Verlässlichkeit und ein nicht unnötig starkes Deutschland in der Mitte.

Absehbar ist eine Sache auf jeden Fall: Es wird in Zukunft jemand bluten. Auf irgendeine Art und Weise werden Schulden und Vermögen gegenübergestellt und dann aufgerechnet werden.

Die Wirtschaftsgeschichte der letzten Jahrhunderte steht hier Pate. Auch ein weicher Systemkollaps über finanzielle Repression ist ein Systemkollaps! Nur auf Raten und nicht so offensichtlich, wie ein Schuldenschnitt mit Währunsgreform. Deutschland wird in dieser Situation, durch die Mitgliedschaft im Euroverbund und dadurch eingegangenen Verpflichtungen, zusätzlich hart getroffen werden. Es ist aber langfristig der einzige Ausweg, um Problem Nr. 1 den Schuldendruck loszuwerden. Ob es Problem Nr. 2, nämlich den gemeinsamen Währungsraum in seiner heutigen Konstellation und Ausgestalltung in einigen Jahren überhaupt noch geben wird, kann zumindest bezweifelt werden.

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Anke 02/07/2013 15:22

Ich finde es ist eine absolute Dreistigkeit was sich die EZB mit ihrer Politik leistet.

The Risk Manager 02/08/2013 11:43



Wohl alles eine Frage des Blickwinkels und der Zielsetzung. Um den Euro in seiner heutigen Form zu erhalten, agiert die EZB absolut nachvollziehbar. Ansonsten wäre die Währungsunion bereits
Geschichte. Aber auf Dauer reicht es nicht, nur Geld zu drucken. Das hebt Draghi auf seinen PK's allerdings auch eindringlich hervor.


Ob du das als dreist empfindest, oder ich, interessiert leider keinen.


Die EZB hätte dann meinen Respekt, wenn sie tatsächlich ihr Geld wieder einsammeln würde, sollte die Politik ihre Hausaufgaben nicht machen. Ohne Rücksicht auf die vermeintlich unschönen
Konsequenzen aus einer solchen Aktion. Nur wer glaubt da ernshaft dran?



Geld-Zitate 01/10/2012 12:58

Tja, das ewige Problem unseres Geldsystems: Wo finden sich jetzt Akteure, die sich verschulden...

Winfried Sobottka 11/20/2011 22:20

Es ist seit Jahrzehnten gang und gäbe, dass öffentliche Haushalte in beträchtlichem Maße über Schuldenaufnahme finanziert werden, dass alte Schulden mittels Aufnahme neuer Schulden getilgt werden
und so weiter. Die grundsätzliche Ursache der Krise hat mit dem Euro also nur bedingt zu tun: Die zunehmenden Einkommen der Reichen wurden zu knapp besteuert, um die öffentlichen Aufgaben ohne
Kreditaufnahmen finanzieren zu können.

Das fiel deshlab bisher nicht auf, weil die Superreichen verhältnismßig viel von ihrem Geld in Finanzanlagen stecken, so dass stets genug Geld da war, um Kredite aufzunehmen. Daran hat sich auch
nichts geändert.

Im Grunde hätte Griechenland weiter wursteln können - wären da nicht die Euro-Stabilitätskriterien, deren Einhaltung von Griechenland immer heftiger öffentlich gefordert wurde.

So hatten die Griechen es zunehmend schwerer, Kredite zu vernünftigen Zinsen aufnehmen zu können, zuletzt, überhaupt Kredite von Privat aufnehmen zu können. Und erst damit kam es zum Knall.